12. November 2023: Gedenkstunde zur Erinnerung an die Pogrome von 1938

„Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung“ In einer Gedenkstunde im Historischen Rathaus erinnern der Verein für Kultur und Heimatgeschichte und die Gemeinde Hammersbach an die Ereignisse vor 85 Jahren. Das Gedenken war in diesem Jahr zweigeteilt. Am 10. November wurden zur Erinnerung an zweiundzwanzig verfolgte, vertriebene oder ermordete Marköblerinnen Stolpersteine verlegt. Am 12. November folgte eine Gedenkstunde mit einem Vortrag von Rudolf W. Sirsch.

„Wir wollen an die ermordeten und vertriebenen Juden aus den Hammersbacher Ortsteilen erinnern, damit sie nicht vergessen werden. Mit Scham und in Demut stellen wir uns der Verantwortung für unsere Geschichte und stehen an die Seite der Opfer von damals und von heute.“ eröffnete der Vereinsvorsitzende Hartmut Schneider die Gedenkstunde. Er dankte allen im Gemeindeparlament vertretenen Fraktionen für ihre vorbehaltlose und einmütige Unterstützung des Gedenkens.

In seinem Grußwort erinnerte Bürgermeister Michael Göllner an die Ereignisse von damals. „Es war eine dunkle Zeit, es war eine kalte Zeit. Vor 85 Jahren regierte in Deutschland jemand, nach dem einige Ewiggestrige heute immer noch – oder schon wieder – rufen. Ein starker Mann, der ohne Skrupel und ohne moralische Grenzen regiert. … Wir wissen alle, dass der Antisemitismus in unserer Gesellschaft auch nach 1945, nachdem jeder wissen musste, was in Auschwitz passierte, nie wirklich verschwunden ist. Umso wichtiger ist es, dass wir hier bei uns in unserer Gemeinde der Opfer, die hier aus unserer Gemeinde stammten, gedenken.“ Göllner beschliesst seine Worte mit dem Appell „Nein zu sagen zu jeglicher Form von Antisemitismus und Rassismus. Hier bei uns, wo wir der Opfe gedenken, muss es beginnen und in die Welt getragen werden.“

Für die Ansprache konnte Rudolf W. Sirsch gewonnen werden. Der Hammersbacher war bis zu seinem Ruhestand als Generalsekretär des „Deutschen Koordinierungsrates der Christlich-Jüdischen Gesellschaften“ der Versöhnung in besonderer Weise verbunden und hat 1988 einen Beitrag über die Geschichte der Juden in der Marköbeler Chronik geschrieben.

Eindrücklich sagte Sirsch „Einen Beitrag zur Erinnerung an die Pogrome von 1938 zu leisten, bedeutet immer auch ein Stück Wiedergutmachung, bedeutet den Versuch, vor dem Vergessen zu retten, was vergessen oder verdrängt werden soll. Wer der Vergangenheit entfliehen will, der bedrückenden und düsteren zumal, gerät in die Gefahr, die Gegenwart nicht verstehen zu können und für die Zukunft untüchtig zu werden. Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung.“ Im Vortrag erinnerte er an Begegnungen mit Überlebenden im Jahr 1988 und zitiert aus einem Brief von Berthold Lichtenstein zu den Schikanen mit denen die Juden nach der Machtergreifung Hitlers fast täglich konfrontiert wurden. “So kamen spät in der Nacht Schuldner zu ihnen nach Hause, um sie zu erpressen oder er wurde von Jungs aus dem Dorf wegen seines jüdischen Glaubens geschlagen. Einmal stieß man ihn von der Kirchhofmauer und er verlor das Bewusstsein. Ein weiteres Ereignis, das ihn zur Flucht nach Palästina bewog war der 19. Juli 1935: „Ich bin ich auf dem Weg nach Bruchköbel um noch einen verbliebenen Kunden zu besuchen. Plötzlich kamen zwei Nazis und forderten mich auf, den Ort zu verlassen. Als ich den Ortsausgang passieren wollte, standen überall Nazis herum, so dass ich in ein Haus flüchtete. Zum Glück war ein Maisfeld in der Nähe und ich versteckte mich dort. Mit Einbruch der Dunkelheit ging ich ins Nachbardorf Langendiebach und übernachtete dort bei einer bekannten jüdischen Familie. Am nächsten Morgen fuhr ich nach Frankfurt und dort erreichte mich ein Telefongespräch, dass ich am darauffolgenden Morgen in Hanau bei der SS-Kommandantur zu erscheinen habe. Ein SS-Offizier, der mir bekannt war, sagte u.a., dass man mich nach Buchenwald verschicken will. Ich meinerseits erklärte ihm, dass ich Deutschland verlassen werde und so gab er mir noch eine Bedenkzeit von sechs Wochen. Ohne meine Mutter noch einmal zu sehen, verließ ich Deutschland über Italien und bestieg dort ein Schiff nach Palästina.“

Fünfzig Jahre später habe Berthold Lichtenstein bei seinem Besuch in Marköbel das alte deutsche Volkslied „Im schönsten Wiesengrunde“ angestimmt. „Bertolds phänomenales Gedächtnis zeigte an jenem Abend den Anwesenden, dass er jede Straße, jedes Haus und jede einzelne Familie noch kannte und davon erzählte.“ Sirsch sinniert: „Was mag den alten Mann nach mehr als 50 Jahren fern der ehemaligen Heimat bewogen haben, gerade dieses Heimatlied anzustimmen“.

Chronologisch schildert Sirsch die Ereignisse in Marköbel vom 9. und 10. November 1938, die nach dem Krieg in einem Verfahren juristisch aufgearbeitet wurden. Etwa wie ein Schläger-Mob aus 60 SA und SS Männern ins Dorf gekommen und in die jüdischen Wohnhäuser eingedrungen sei. Unter wüsten Beschimpfungen und mit roher Gewalt habe man die jüdischen Marköbeler herausgetrieben und ihr Hab und Gut mit Äxten und Beilen zerstört. Die Einrichtung der Synagoge wurde ebenfalls völlig vernichtet, Thorarollen geschändet und das Fachwerkgebäude am 10. November bis auf die Grundmauern abgetragen. Die nichtjüdischen Marköbler hätten das Ganze beobachtet – mit Angst die einen und zum Teil mit den Verbrechern kooperierend andere. Eine Marköblerin: „„Ich wurde auf große Geräusche und Lärm auf der Straße aufmerksam. Nach Öffnung meines Fensters wurde mir von der Straße zugerufen, „Fenster zu, sonst fliegen die Scheiben  ein“.

Im Anschluss an den Vortrag verliest Schneider eine Mail von Ofra Karo aus Israel, die bei der Stolpersteinverlegung für ihre ermordeten Urgroßeltern im Jahr 2021 per Zoom live zugeschaltet war. Sie dankte für das Gedenken und schreibt: “Ihre Unterstützung und die Unterstützung der deutschen Regierung geben uns Hoffnung für die Zukunft.”

Berührender Höhepunkt des Gedenkens war die Nennung der Namen, Geburts- und Todesdaten aller verfolgten, vertriebenen oder ermordeten ehemaligen Mitbürgerinnen und Mitbürger der Hammersbacher Ortsteile verlesen.

Schneider beschloss die Gedenkstunde mit einem Zitat aus dem Talmud: `Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist´. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Auf den Steinen steht geschrieben: “HIER WOHNTE ... Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch.”

Gestalteten die Gedenkstunde: Michael Göllner, Rudolf W. Sirsch und Hartmut Schneider vlnr.; Foto: VfKuHH
Gestalteten die Gedenkstunde: Michael Göllner, Rudolf W. Sirsch und Hartmut Schneider vlnr.; Foto: VfKuHH

Sonntag, 12.11.2023

15 Uhr Historisches Rathaus

Eröffnung: Hartmut Schneider, Verein für Kultur und Heimatgeschichte Hammersbach

Grußwort: Michael Göllner, Bürgermeister der Gemeinde Hammersbach

Ansprache zu 85 Jahren Erinnerung und Gedenken an die

Pogrome im November 1938 von Rudolf W. Sirsch,

Generalsekretär i.R. des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit

Erinnerung und Würdigung:

Verlesen der Namen der jüdischen Mitbürgerinnen, die verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden.

Herzliche Einladung!


10. November 2023: Verlegung von zweiundzwanzig Stolpersteinen, 15 Uhr ab Martin-Luther-Platz Marköbel


HA vom 9.11.2023: Mit freundlicher Erlaubnis des Hanauer Anzeiger!
HA vom 9.11.2023: Mit freundlicher Erlaubnis des Hanauer Anzeiger!

Die Gemeinde Hammersbach und der Verein für Kultur und Heimatgeschichte Hammersbach laden ein: zur Verlegung von zweiundundzwanzig Stolpersteinen am Freitag, dem 10. November und einer Gedenkstunde am Sonntag, dem 12. November 2023

Die Ereignisse des 9. November 1938 jähren sich zum 85. Mal. In dieser und der folgenden Nächte brannten in Deutschland die Synagogen. Sie waren das öffentliche Fanal für das, was folgen sollte: der Völkermord am europäischen Judentum. In den Hammersbacher Ortsteilen wurden die Synagogen beschädigt und ihre Einrichtung zerstört und es kam zu gewaltsamen Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung und ihre Wohnungen.

Die Ereignisse des 9. November und die folgenden Jahre bis zum Kriegsende 1945 zerstörten die Lebensentwürfe von Millionen Menschen: der jüdischen Bevölkerung, weiterer verfolgter Minderheiten und schließlich aller vom Krieg Betroffenen.

Wir wollen am 10. und 12. November an die ermordeten und vertriebenen Juden aus den Hammersbacher Ortsteilen erinnern, damit sie nicht vergessen werden.

Wir tun dies in der traurigen Erkenntnis, dass der Antisemitismus und der Hass auf Minderheiten und alles Fremde wieder salonfähig zu werden scheinen.

Der Terroranschlag auf Israel am 7. Oktober und seine Folgen führen zu vielen weiteren unschuldigen Opfern. Jüdinnen und Juden sind auch bei uns erneut gefährdet und bedroht.

Mit Scham und in Demut stellen wir uns der Verantwortung für unsere Geschichte und stehen an die Seite der Opfer von damals und von heute.

Folgender Ablauf ist vorgesehen:

Freitag, 10.11.2023

15 Uhr Treffpunkt Martin-Luther-Platz, vor dem Zeitstrahl

- Gemeinsamer Beginn mit Grußworten

- Gang zu verschiedenen Orten der Verlegung in Marköbel;

- Berichte aus den Archiven: Christoph Neizert

Sonntag, 12.11.2023

15 Uhr Historisches Rathaus

Eröffnung: Hartmut Schneider, Verein für Kultur und Heimatgeschichte Hammersbach

Grußwort: Michael Göllner, Bürgermeister der Gemeinde Hammersbach

Ansprache zu 85 Jahren Erinnerung und Gedenken an die

Pogrome im November 1938 von Rudolf W. Sirsch,

Generalsekretär i.R. des Koordinationsrates der deutschen Christlich-jüdischen Gesellschaften

Erinnerung und Würdigung:

Verlesen der Namen der jüdischen Mitbürgerinnen, die verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden